Neuer oraler Wirkstoff gegen die Schlafkrankheit Klinische Studien (Phase II/III) haben begonnen

[Genf, Schweiz, Kinshasa Demokratische Republik Kongo – 6. Dezember 2012]
Klinische Studien (Phase II/III) haben begonnen
Eine neue Behandlung für Patienten im späten Stadium der Schlafkrankheit wird nun in klinischen Studien der Phasen II/III getestet. Bei der neuen Therapie ist nur die Einnahme von Tabletten notwendig ‐ im Gegensatz zur bisherigen Standardbehandlung mit Infusionen. Die Studie hat bereits in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) begonnen und startet bald auch in der Zentralafrikanischen Republik. Sie untersucht die Wirksamkeit und Sicherheit einer Tablette mit dem Wirkstoff Fexinidazol. Diese wird einmal täglich über 10 Tage lange verabreicht. Die Studie wird von der Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi) und Partnern durchgeführt.
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Die Schlafkrankheit (Humane Afrikanische Trypansomiasis, HAT) führt ohne Behandlung zum Tod. Die Infektionskrankheit wird durch die Tsetsefliege übertragen und kommt in abgelegenen Regionen in 36 afrikanischen Ländern südlich der Sahara vor. Krankheitserreger sind die Parasiten Trypanosoma brucei (T.b.) gambiense und rhodesiense.

Zurzeit nehmen die Fallzahlen ab. Jedoch ist die Krankheit dafür bekannt, auf Epidemie‐Niveau zurück zu kehren, sobald die Anstrengungen zur Überwachung nachlassen. Etwa ein Viertel der Patienten sind Kinder unter 15 Jahren. Die Demokratische Republik Kongo verzeichnet die meisten Fälle in ganz Afrika.

Oft verläuft die Schlafkrankheit jahrelang ohne Symptome (Stadium 1), bis die Infektion das zentrale Nervensystem und Gehirn erreicht (Stadium 2). Zurzeit muss vor einer Behandlung, das Stadium der Krankheit bestimmt werden. Dazu ist eine Rückenmarkspunktion nötig, um das Nervenwasser des Patienten untersuchen zu können. Die derzeit verfügbaren Behandlungen für das späte Stadium 2 der Krankheit sind kompliziert. Die Patienten erhalten unter anderem Infusionen, die nur in einem Krankenhaus verabreicht werden können. Daher sind die Patienten oft Tage lang – teilweise zu Fuß – unterwegs, um behandelt werden zu können. Weiteres Problem: Die Infusionsbehälter sind vergleichsweise schwer, der Transport in die Kliniken ist aufwändig.

Dies ist ein großer Schritt in der Forschung für vernachlässigte Tropenkrankheiten. Es zeigt, dass neue Wirkstoffe gefunden und entwickelt werden können, die eine vollständig neue Perspektive für die Bekämpfung der Krankheit eröffnen“, kommentiert Dr. Bernard Pécoul, Geschäftsführer von DNDi. „Wir können und werden die Suche nach verbesserten Behandlungen für diese Krankheiten nur durch Zusammenarbeit mit Partnern in endemischen Ländern und auf der ganzen Welt erreichen,“ fügt er hinzu.

Fexinidazol ist der erste Erfolg der umfassenden Suche nach geeigneten Wirkstoffen, die von DNDi innerhalb des Nitroimidazol‐Projekts im Jahr 2005 begonnen wurde. Ziel ist, Fexinidazol durch die entscheidenden klinischen Studien (Phase II/III) zu führen und den Wirkstoff anschließend als neues Medikament zuzulassen: Für das Stadium 2 der Schlafkrankheit verursacht durch T. b. gambiense, und für das Stadium 1 der Schlafkrankheit durch T.b. rhodesiense. Im Erfolgsfall wird Fexinidazol die erste orale Behandlung sein, die für beide Stadien der Krankheit angewendet werden kann. Die komplizierte Unterscheidung der beiden Krankheitsstadien durch eine Rückenmarkspunktion würde unnötig.

Wir erhoffen uns von dieser neuen chemischen Struktur eine drastische Erleichterung bei der Behandlung der Patienten“, sagt Dr. Wilfried Mutombo vom Nationalen Schlafkrankheits-Kontrollprogramm der DR Kongo und Koordinator der Fexinidazol‐Studie. „Außerdem ermöglichen uns Investitionen in die Renovierung der Labore und der Krankenhausräume, neue angepasste Technologien und Schulungen des Personals, über jeden Patienten in Echtzeit Bericht zu erstatten.“ Die Mitarbeiter könnten somit auf internationalem Niveau forschen.

Die Studie wurde von DNDi initiiert und wird mit folgenden Partnern durchgeführt: Schweizerisches Tropen‐ und Public‐Health Institut (Swiss TPH), die Nationalen Schlafkrankheits‐Kontrollprogramme der DR Kongo und der Zentralafrikanischen Republik sowie Ärzte ohne Grenzen. Das französische Unternehmen Sanofi und DNDi ko‐entwickeln das Medikament: DNDi ist für die vorklinische, klinische und pharmazeutische Entwicklung zuständig, während Sanofi für die industrielle Entwicklung, Zulassung und Produktion verantwortlich ist.

Für die Studie werden insgesamt 510 Patienten in fünf Studien‐Zentren in der DR Kongo und in einem Zentrum in der Zentralafrikanischen Republik aufgenommen.

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Über die Fexinidazol‐Studie
Die Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit ist eine offene, multizentrische, randomisierte Phase II/IIIZulassungsstudie. Es soll überprüft werden, wie wirksam die neue Therapie mit Fexinidazol im Vergleich zum bisherigen Mittel der Wahl ist. Dabei handelt es sich um die Kombinations‐therapie NECT. Diese hatte im Jahr 2009 die Therapie mit dem arsen‐basierten Melarsoprol ersetzt. Zwei Drittel der Patienten werden Fexinidazol erhalten, und ein Drittel NECT.
Die Behandlung mit Fexinidazol: Tägliche Dosis von 1800 mg (3 Tabletten) an den ersten 4 Tagen, tägliche Dosis von 1200 mg (2 Tabletten) über die folgenden 6 Tage (insgesamt 10 Tage). Die Behandlung mit NECT: 3 mal täglich Nifurtimox oral über 10 Tage, in Kombination mit 2 intravenösen Infusionen von Eflornithin täglich (Dauer je 2 Stunden) über 7 Tage.

Das Protokoll für die Fexinidazol‐Studie wurde durch die internationale Ethik‐Arbeitsgruppe überprüft, die durch die Société Française et Francophone d’Ethique Médicale (SFFEM) mit Unterstützung der WHO einberufen wurde. Anschließend erfolgte die Genehmigung durch die nationalstaatlichen Behörden und die Ethik‐Kommission von Ärzte ohne Grenzen.

Unterstützung für die Studie
Dieses Projekt wird unterstützt von der Bill & Melinda Gates Stiftung, Ärzte ohne Grenzen, der spanischen Agencia Española de Cooperación Internacional para el Desarrollo (AECID), dem britischen Department for International Development (DFID), dem französischen Ministère des Affaires étrangères et européennes (MAEE), der GIZ im Auftrag der Deutschen Bundesregierung, dem niederländischen Directorate General for International Cooperation (DGIS), der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), und anderen einzelnen Geldgebern.

Über DNDi
Die Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi) ist eine not‐for‐profit‐Organisation im Bereich Forschung und Entwicklung. Ihr Ziel ist es, neue Therapien für vernachlässigte Krankheiten bereitzustellen – insbesondere für die Schlafkrankheit, die Chagas‐Krankheit, Leishmaniose (Kala Azar), bestimmte Wurmerkrankungen, HIV/Aids bei Kindern sowie Malaria. Seit der Gründung im Jahr 2003 hat DNDi sechs neue Behandlungen bereitgestellt: Zwei Medikamente gegen Malaria (fixeddose‐combinations: ASAQ und ASMQ); die Kombinationstherapie aus Nifurtimox und Eflornithin (NECT) zur Behandlung des Stadiums 2 der Schlafkrankheit; die Kombination aus Natriumstikogluconat (SSG) und Paromomycin (PM) gegen die viszerale Leishmaniose in Afrika, mehrere Kombinationstherapien für viszerale Leishmaniose in Asien. Die neue Dosierungsform von Benznidazol für Kinder mit der Chagas‐Krankheit ist die sechste Therapie. DNDi hat an der Gründung von drei Forschungsplattformen mitgewirkt: die Leishmaniose Ost‐Afrika Plattform (LEAP) mit Mitgliedern in Kenia, Äthiopien, Sudan und Uganda. Die HAT Plattform in Afrika für die Schlafkrankheit und die Chagas Forschungs‐Plattform in Latein‐Amerika.
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